Werkstatt — KI im Maschinenbau10. September 2026

Ein Sondermaschinenbetrieb baut sich sein Rechenwerkzeug selbst

Wie aus fehlenden Werkzeugen in der eigenen Konstruktion ein Mechanismus Editor wurde, und was KI dabei kann und was nicht.

Hebelwerk ist im August 2026 entstanden, weil in der eigenen Konstruktion ein Werkzeug gefehlt hat. Ich lege Ausleger, Anbaugeräte und Erntetechnik aus, fast immer mit Hydraulikzylindern an ebenen Gelenkketten. Für die Kinematik gibt es gute Programme, für die Kräfte auch, für den Nachweis am Ende sowieso. Aber nichts, das alle drei Schritte in einem Modell hält, so dass die Kräfte aus der Bewegung kommen, die Nachweise aus den Kräften und der Bericht aus den Nachweisen, ohne dass irgendwo eine Zahl abgetippt wird. Also habe ich es gebaut. Nicht allein: Der Code stammt zum größten Teil von einer KI, die Anforderungen, die Prüfung und die Verantwortung von mir.

Dieser Beitrag beschreibt, was dabei gut funktioniert hat und wo es gefährlich wird. Beides gehört zusammen.

Worum es geht

Hebelwerk ist eine Webanwendung, die im Browser rechnet. Man zeichnet Glieder und Gelenke, setzt Lager, Antriebe und Lasten, lässt den Mechanismus laufen und bekommt Lagerkräfte, Schnittgrößen, Spannungen und die Nachweise für Bolzen, Schweißnähte, Schrauben, Knicken und Dauerfestigkeit. Am Ende steht ein Bericht mit Rechenweg, den ein Prüfer nachvollziehen kann. Seit Anfang August sind über dreihundert Fassungen entstanden, jede mit einer Nummer, die auch im Bericht steht.

Der Arbeitsablauf ist immer derselbe: Ich beschreibe, was die nächste Stufe können soll, möglichst mit einem Beispiel und einer Handrechnung, gegen die das Ergebnis geprüft wird. Die KI baut, prüft gegen die Handrechnung, liefert ein Paket und einen Baubericht. Ich lade das Paket hoch, rechne meine eigenen Modelle damit und melde, was nicht stimmt.

Was KI übernommen hat

Die Rechenmodule. Ein Bolzennachweis, eine Kehlnaht nach Eurocode, eine Schraubverbindung nach VDI 2230, eine Welle nach DIN 743, ein Knickstab nach Euler: Das sind Formeln, die in Büchern stehen, und die KI setzt sie schneller und mit weniger Tippfehlern um als ich. Wichtig ist, dass jede Formel mit einer Handrechnung belegt wird, bevor sie ins Programm kommt. Aus diesen Belegen ist das Validierungsheft entstanden, 25 Prüfbeispiele mit Sollwert und Toleranz, gegen die jede Fassung läuft.

Die Prüfung selbst. Hebelwerk hat inzwischen eine Prüfkette mit über zweitausend Prüfzeilen, die vor jeder Auslieferung läuft: Rechnet jedes Beispiel noch dasselbe wie gestern? Hat jeder Knopf ein Sinnbild? Trägt jede Ausgabe den Freigabestempel? Steht jeder Befehl in der Hilfe? Diese Prüfmittel zu schreiben ist Fleißarbeit, und Fleißarbeit ist das, was eine KI ohne Murren macht.

Die Übersetzung. Die Oberfläche und der Bericht gibt es auf Deutsch und Englisch, das sind über dreitausend Texte. Von Hand hätte ich das nie gemacht.

Die Dokumentation. Hilfe, Sachverzeichnis mit 153 Einträgen, Baubericht zu jeder Fassung. Alles Dinge, die in einem Einmannbetrieb sonst als Erstes liegen bleiben.

Wo sie nicht weiterkommt

Die Plausibilität. In einer Fassung teilte die Ausnutzung durch das Skalenende der Farblegende statt durch die zulässige Spannung. Das Programm lief, die Farben erschienen, die Legende zählte, nichts brach. Nur war jedes Bauteil rot, obwohl es zu 77 Prozent ausgelastet war. Kein Rauchtest findet so etwas, nur ein Mensch, der auf das Bild schaut und weiß, was er erwartet. Dieser Fehler war zwei Fassungen lang drin, weil ich in dieser Zeit auf die Prüfung verzichtet hatte, um schneller voranzukommen. Die Lehre steht seither in der Bauordnung: keine Auslieferung ohne Prüfung, auch wenn es länger dauert.

Der Normbezug. Die KI kennt Formeln, aber nicht meine Normausgabe. Ob ein Beiwert aus der Fassung von 2015 oder 2023 stammt, ob eine Tabelle für Baustahl auch für Guss gilt, ob ein Verfahren „nach“ oder „in Anlehnung an“ eine Norm rechnet: Das muss ich entscheiden und im Bericht so benennen. Hebelwerk schreibt deshalb an jeden Nachweis, was er abdeckt und was nicht. Ein buntes Spannungsbild sieht nach FEM aus; es ist eine Nennspannung des Querschnitts, ohne Kerbwirkung, und genau das steht darunter.

Die Testfälle. Mehrmals habe ich einen Fehler gemeldet, der keiner war, weil mein Testmodell falsch aufgebaut war: eine Masse doppelt eingetragen, ein Viergelenk, das die Grashof Bedingung nicht erfüllt. Die KI hat den vermeintlichen Fehler dann brav gesucht. Seither gilt: Bei einer Fehlermeldung zuerst den Testfall prüfen, dann das Programm.

Die Verantwortung. Ein Nachweis, der aus Hebelwerk kommt, trägt meinen Namen, nicht den der KI. Das Werkzeug macht die Rechnung nachvollziehbar, es nimmt mir die Prüfung nicht ab. Ich glaube, das ist der richtige Platz für KI im Maschinenbau: nicht als Rechner, dem man vertraut, sondern als Kollege, der schnell baut und dem man auf die Finger schaut.

Ergebnis und Grenzen

Nach sechs Wochen ist ein Werkzeug entstanden, das man nie hätte kaufen können, und es wird nun täglich eingesetzt. Die Grenzen sind die gleichen wie bei jeder Software: Sie rechnet, was man ihr sagt, mit den Annahmen, die man trifft. Wer Hebelwerk ausprobieren will, findet es unter editor.baecut.de, kostenlos. Die Prüfbeispiele liegen als Validierungsheft bei.

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